Freitag, 28. Mai 2010

Ian McEwan - Abbitte

Das Landhaus der Familie Tallis im Sommer 1935. Es herrscht glühende Hitze, die Bewohner wissen nicht so recht etwas mit dem Tag anzufangen, da beobachtet die 13jährige Briony etwas, das sie falsch versteht und verändert dadurch das Schicksal der kompletten Familie.

Vorweg muss ich sagen, dass ich den - meiner Meinung nach sehr gelungenen - Film schon gesehen hatte, bevor ich das Buch gelesen habe. Damit habe ich mir zwar das Ende schon vorweg genommen, dennoch hat mich das Buch keine Sekunde gelangweilt. Vor allem im ersten Teil ist die Stimmung sehr dicht, man kann sich die Hitze und die Lethargie der Familie sehr gut vorstellen. Die Handlung schreitet fast unerträglich langsam voran und doch ist es interessant, Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu beobachten und die Gedanken und Gefühle der Bewohner des Hauses so genau beobachten zu können. Man merkt nur sehr langsam, wie die Stimmung dieses luftig-leichten Sommertages plötzlich kippt und sich alles verändert...

Das Tempo des Romans nimmt in den weiteren Teilen deutlich zu doch leider übernimmt ab dem 2. Teil der Krieg die Hauptrolle in der Geschichte. Dass dies so ausgeweitet wurde und man auch recht viele langweilige Details über sich ergehen lassen muss, fand ich etwas schade. Das liegt aber möglicherweise einfach an meiner persönlichen Abneigung gegenüber Filmen und Büchern, die den 2. Weltkrieg thematisieren.

Das Ende ist wirklich gelungen und relativiert alles, was man vorher gelesen hat. Am liebsten möchte man danach nochmal von vorne Anfangen und das Buch mit diesem Wissen erneut lesen.

Vom Stil Ian McEwans war ich begeistert, ich finde es bemerkenswert, wie er die englische Sprache in all ihren Nuancen ausschöpft und aus einem beinahe unendlichen Vorrat an Wörtern zu schöpfen scheint. Es war zwar am Anfang nicht leicht, sich an die Sprache zu gewöhnen (ich habe das Buch im Original gelesen), jedoch ist das Buch trotz allem nicht kompliziert zu lesen oder hochgestochen geschrieben.

"Abbitte" ist definitiv ein Buch, das mich fasziniert und bewegt hat. Auch unsere Diskussionen im Rahmen des Lesekreises waren sehr interessant und brachten noch einmal Aspekte zu Tage, die man beim einfachen Lesen ohne anschließende Diskussion nicht bemerkt hätte. Den einzigen Abzug gibt es bei mir für den Krieg, der mir eine zu große Rolle im Buch spielt.
4,5 Sterne

Dienstag, 4. Mai 2010

April 2010

Helene Hanff - 84 Charing Cross Road 4/5
Hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich durch die durchweg positiven Meinungen, die ich vorher gelesen hatte, mit etwas zu hohen Erwartungen an das Buch herangegangen bin.

Kerstin Gier - Saphirblau 4/5
Genau so schön wie der Vorgänger, leider viel zu schnell durchgelesen und wieder kein vernünftiges Ende

Hanif Kureishi - Something to tell you 3/5

Leider nicht ganz so toll, wie ich mir das vorgestellt hatte

Henning Mankell - Der Chronist der Winde 4/5
Die berührende Geschichte eines Straßenkindes

Ali Sethi - Meister der Wünsche 5/5
Eine sehr schöne, bewegende Familiengeschichte in Pakistan. Mein absolutes Highlight diesen Monat

Und da ich nie so recht weiß, was ich über Gedichte schreiben soll, hier nur die Bewertungen:
Elizabeth Barrett Browning - Selected Poems 4,5/5
Henry Wadsworth Longfellow - Selected Poems 3/5
Walt Whitman - Selected Poems 1,5/5
Emily Dickinson - Selected Poems 4/5

Ali Sethi - Meister der Wünsche

Der Autor
1984 in Lahore geboren und aufgewachsen, entstammt Ali Sethi einem säkularen und äußerst exponierten Elternhaus: Der Familie der Mutter gehört ein angesehenes kritisches Wochen-Magazin, ›The Friday Times‹ (vergleichbar dem SPIEGEL), in dem beide Eltern tätig sind, Sethis Vater als Chefredakteur. Ali Sethi studierte bis 2006 in Harvard/USA South Asian Studies und Englische Literatur. Heute lebt er wieder in Lahore. Die Familie erhielt Todesdrohungen aus fundamentalistischen Kreisen, der Vater wurde mehrfach verhaftet und gefoltert, das Haus ist von amerikanischen und pakistanischen Sicherheitskräften umstellt. ›Meister der Wünsche‹ ist Ali Sethis erster, bereits im Vorfeld hoch gelobter Roman.

Inhalt
Wie Geschwister wachsen der vaterlose Zaki und Samar Api, seine rebellische Cousine, in einem großen bürgerlichen Haushalt Lahores auf. An der Spitze der ebenso streitlustigen wie liebevollen Familie stehen Zakis freigeistige Mutter Zakia und seine willensstarke, kulturell eher konservative Großmutter Daadi. Die stürmischen politischen Entwicklungen Pakistans spiegeln und brechen sich im intimen Prisma dieser verzweigten Familiengeschichte, doch der Puls des Lebens schlägt im Kleinen. Sethis Charaktere erfreuen sich des Lebens, selbst wenn alles dagegen spricht ...

Meine Meinung
Als Zaki zur Hochzeit seiner Cousine Samar Api aus den USA in seine Heimat Pakistan zurückkehrt, hat sich vieles verändert. In einer Rückblende erzählt er von seiner Kindheit und Jugend, die er zum Großteil gemeinsam mit Samar Api verbrachte. Da sein Vater bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, wächst er als einziger Mann in einer Familie von sehr verschiedenen Frauen auf. Seine Mutter ist eine Rebellin, die sich der Politik nicht blind unterordnet, sondern gegen Missstände protestiert. Die Großmutter und seine Tanten dagegen sind eher konservativ eingestellt.

In weiteren Rückblenden wird auch die Geschichte der Mutter und der Großmutter erzählt, so kann man verfolgen, wie sich die Situation der Frauen in Pakistan über mehrere Generationen verändert hat. Auch allgemein erfährt man viel über das politische Geschehen im Land. Da die Familienmitglieder nicht immer einer Meinung sind, wird auch oft diskutiert und man erfährt verschiedene Sichtweisen der jeweiligen Situation. Auch kann man in diesem Buch viel über Bräuche und Traditionen lernen. Da Samar Apis Eltern auf dem Dorf leben, die restliche Familie allerdings in der Stadt, wird auch der große Unterschied der beiden Lebensräume aufgezeigt.

Die Geschichte wird sehr ruhig erzählt, wer auf große Spannungsbögen und unerwartete Wendungen Wert legt, wird hier vergeblich warten. Dafür sind die Charaktere sehr gut beschrieben, man kann ihre Entwicklung gut nachvollziehen. Gerade weil das Buch so ruhig ist und die Geschichte langsam vorangeht, hat es mir so gut gefallen. Ich kann aber gut verstehen, dass manch anderen genau das langweilt.

Ein Glossar erklärt unbekannte Wörter, eine Liste der Personen, die im Buch vorkommen, ermöglicht es den Überblick zu behalten und auch die Karte von Pakistan und den umliegenden Ländern ist sehr hilfreich. Ich finde die Ausstattung und Aufmachung des Buches also definitiv gelungen, auch das Cover finde ich gut gewählt und sehr schön.

Fazit:
Ein leises, ruhiges Buch, auf das man sich einlassen muss. Für alle die gerne etwas exotische Familiengeschichten lesen und sich gleichzeitig für fremde Länder und Kulturen interessieren.

Für mich ein absoluter Buchtipp und

Kader Abdolah - Das Haus an der Moschee

Klappentext
Ein altes Haus in Senedjan. Seit 800 Jahren wohnt hier die Familie des Teppichhändlers Agha Djan. Unter seiner Obhut leben die Menschen in einträchtiger Harmonie - bis die von Teheran und den Aufständen gegen das korrupte Regime des Schahs ausgehende Unruhe auch sie erreicht. In seinem neuen Roman breitet Kader Abdolah das zutiefst menschliche Schicksal einer iranischen Großfamilie wie ein bunt schillerndes Geschichtengewebe vor uns aus.

Meine Meinung
In zumeist recht kurzen Episoden wird aus dem Leben der iranischen Großfamilie um Agha Djan erzählt. Die einzelnen Kapitel hängen nicht unmittelbar zusammen, obwohl immer wieder auf Ereignisse aus früheren Kapiteln Bezug genommen wird. Dieser episodenhafte Charakter hat mich zu Beginn extrem gestört, es war mir nicht klar, worauf diese ganzen einzelnen Geschichten hinauslaufen und wollte lieber eine große Geschichte lesen, als viele einzelne.
Erst später wurde mir klar, dass Kader Abdolah hier weniger die Geschichte einer Familie erzählt, als die Geschichte des Iran. Das Buch begleitet die Familie über mehrere Jahrzehnte, man erlebt das Regime des Schahs, der mit Amerika sympathisiert, diverse innere Unruhen und Revolutionen, den Krieg mit dem Irak und die Herrschaft Ayatollah Khomeinis und die direkten Auswirkungen auf die Familie mit.
Erstaunlich fand ich, dass das Buch eine etwas andere Sicht auf den Islam zeigt. Agha Djans Familie ist sehr konservativ, Amerika gilt als der große Feind des Islam, auch die Frauen in der Familie sind gegen die Emanzipation, wollen die Traditionen beibehalten. Im Laufe des Buches ändert sich die Sichtweise einiger Familienmitglieder durchaus, und trotzdem fand ich es interessant, mal ein anderes Frauenbild zu sehen, als das der Unterdrückten, die für ihre Rechte gegen die Männer und den Islam kämpfen muss.
Am Anfang ist das Buch noch recht locker und leicht zu lesen, die Episoden sind teilweise sehr amüsant und liebenswert erzählt. Doch sobald sich die politische Lage im Land ändert, ändert sich auch die Stimmung im Buch. Man spürt immer mehr von den grausamen Taten, die im Iran passiert sind. Der politische Umschwung und der Krieg machen auch vor Agha Djans Familie nicht halt und so muss man auch mit der Familie einige schwere Schicksalsschläge erleiden und um verschiedene Familienmitglieder bangen.
Teilweise liest sich das Buch wie ein Geschichtsbuch, was mich persönlich allerdings nicht gestört hat, da ich mich es gut fand, durch das Buch so viel über den Iran und seine Vergangenheit zu lernen.
4 Sterne