Freitag, 24. April 2009

Margaret Atwood - Der blinde Mörder

In "Der blinde Mörder" werden zwei Geschichten parallel erzählt. Zum einen erzählt die 82jährige Iris Chase von ihrem Leben, von ihrer Schwester Laura, die sich als Jugendliche das Leben nahm, und ihrer Ehe. Zum anderen liest man Ausschnitte eines Buches von Laura Chase, das posthum veröffentlicht wurde.

Iris' Geschichte ist ein gewöhnlicher Familienroman mit viel Liebe, Herzschmerz und Drama. Wäre dieser Teil die einzige Handlung gewesen, hätte ich das Buch wohl nicht zu Ende gelesen. Vieles wird da zu ausführlich beschrieben, einige Passagen waren sehr langatmig und uninteressant, vor allem, da man ja von Anfang an weiß, auf was alles hinausläuft, nämlich Lauras Selbstmord.

Ein Lichtblick waren deshalb für mich immer die (deutlich kürzeren) Passagen aus Lauras Buch. Eine Frau trifft sich mit ihrem Liebhaber, der ihr wiederum Geschichten von einer fremden Welt erzählt. Diese Teile haben mich sehr berührt, die Verzweiflung der Frau war sehr gut nachzufühlen, wenn sie sich mal wieder heimlich zu ihrem Geliebten schleicht, der sich vor einem nicht näher genannten Feind verstecken muss.

Die Aufllösung, wie diese beiden Geschichten am Ende zusammenhängen, war nicht so spektakulär und genial, wie ich es mir eigentlich gedacht hätte. Alles fügt sich zusammen und das Ende rundet die Handlung logisch ab, aber irgendwie hätte ich trotzdem etwas mehr Überraschung erwartet.

Margaret Atwoods Stil hat mich dafür ein weiteres Mal beeindruckt. Ich mag es einfach, wie klar und nüchtern sie schreibt und trotzdem kann man sich in die Personen einfühlen und ihre Handlungen nachvollziehen. Die Figuren werden durch ihre Beschreibungen lebendig.

Meiner Meinung nach hätte man das Buch um gut ein Drittel kürzen können, die Geschichte hätte man trotzdem locker untergebracht und einige langweilige Passagen wären entfallen. Mein Fazit also: Handlung naja, Schreibstil toll und dafür gibt es 3 Sterne.

Marc-Uwe Kling - Die Känguru-Chroniken

In sehr kurzen Episoden erzählt Marc-Uwe Kling vom Zusammenleben mit einem Känguru. Dass es etwas ungewöhnlich ist, mit einem Känguru zusammenzuleben wird dabei nicht thematisiert, sondern behandelt als wäre es die normalste Situation die es gibt. Die kleinen Geschichten aus dieser ungewöhnlichen WG sind immer witzig, oft sehr skurril und thematisieren durchaus kritisch das aktuelle Geschehen. Seien es politische oder moralische Fragen, das Känguru hat zu allem eine Meinung.

Das Buch hat mich sehr gut unterhalten, ich habe bei der Lektüre viel gelacht, aber trotzdem konnte ich mich nicht uneingeschränkt dafür begeistern. Zu schnell stellt sich ein Gewöhnungs-Effekt ein, die skurrile Situation, dass da tatsächlich jemand mit einem Känguru zusammenlebt, verliert sehr schnell ihren Reiz, die Geschichten sind zu ähnlich und laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Da hätte es vielleicht geholfen, jeden Tag nur wenige Kapitel zu lesen, aber ich lese gerne längere Zeit am Stück, so habe ich mich im Laufe des Buches teilweise etwas gelangweilt. Einige Kapitel waren dann auch zu lange, manche Diskussionen waren uninteressant und langweilig und man hatte das Gefühl, das alles schon in einem anderen Kapitel gelesen zu haben.

Ich kann mir vorstellen, dass diese kleinen Geschichten vom Känguru im Radio noch viel besser wirken, deshalb finde ich es etwas schade, dass man heutzutage scheinbar aus allem ein Buch machen muss. Das Buch kann man aber trotzdem gut lesen und es ist auch wirklich lustig und unterhaltsam geschrieben.
3 Sterne

Donnerstag, 9. April 2009

Tilman Rammstedt - Wir bleiben in der Nähe

Inhalt
Felix, Konrad und Katharina, das war früher eine Einheit, die drei waren beste Freunde, bis Katharina den Kontakt abbrach und aus Berlin wegzog. Felix und Konrad hören erst wieder etwas von ihr, als ihnen eine Hochzeitseinladung ins Haus flatterte. Katharina will also heiraten und dann auch noch einen Tobias, von dem die beiden noch nie etwas gehört haben? Das wollen Felix und Konrad nicht zulassen, überstürzt fahren sie zu Katharina und entführen sie. Was sie damit eigentlich erreichen wollen, ist ihnen allerdings nicht klar.

Meine Meinung
Sprachlich hat Tilman Rammstedt mich schon mit "Der Kaiser von China" überzeugt, das ich vor einigen Monaten gelesen habe. Die langen Sätze, die viele indirekte Rede, die immer treffsicher eingesetzten abenteuerlichen grammatikalischen Konstrukte, Rammstedt hat seinen ganz eigenen Stil, an den man sich gewöhnen muss und der sicher auch nicht jedem gefällt. Wenn man ihn auch selbst schon einmal bei einer Lesung gehört hat, hat man immer seine Stimme und seine wunderbare Art des Vorlesens im Kopf.

Auch der Inhalt hat mich begeistert, da er viele Fragen aufwirft, die einem so ähnlich sicher auch schon begegnet sind. Kann man eine Freundschaft erhalten, wenn sich die Lebensumstände ändern? Kann wieder alles so wie früher werden, obwohl man sich über die Jahre auseinanderentwickelt hat? Ist es manchmal nicht einfach besser, Menschen gehen zu lassen? Die Antworten muss hier jeder für sich selbst finden, das Buch gibt sie jedenfalls nicht und auch am Ende bleiben einige Fragen offen. Ich bin sehr froh darüber, dass hier keine Pseudo-Lösungen aufgetischt werden und das Buch nicht zu einem kitschigen Happy End kommt!

Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, vor allem die Darstellung von Felix ist sehr gelungen. Einerseits ist er der erfolgreiche Arzt, der sein Leben im Griff hat, andererseits wünscht er sich in beinahe kindlicher Naivität seine Jugendfreundschaften zurück und lässt nichts unversucht um sie zu retten. Dass Katharina als Figur eher blass bleibt, war für mich kein Problem, ich sehe sie nicht als Hauptfigur des Buches, über die man viel erfahren muss. Vielmehr ist sie nur ein Anlass für Konrad und Felix, ihr Leben in Frage zu stellen und nach einem tieferen Sinn zu suchen.

Für mich war das Buch das bisherige Lesehighlight des Jahres!
5 Sterne

Margaret Atwood - Gute Knochen

Enthalten sind verschiedenste Kurzgeschichten, da unterhält sich Hamlets Mutter mit ihrem Sohn, eine reinkarnierte Fledermaus spricht über ihre Erfahrungen, ein menschenforschender Falter berichtet von seinen Beobachtungen, man erhält eine Anleitung, wie man sich einen Mann bastelt etc.

Die Geschichten sind alle sehr skurril, teilweise witzig, teilweise etwas männerfeindlich und immer sehr intelligent. Thematisiert werden, wie schon erwähnt, sehr verschiedene Dinge, die Rolle der Frau und die Emanzipation stehen öfter im Mittelpunkt und auch Märchen werden öfter als Grundlage aufgegriffen.

Die einzelnen Geschichten sind sehr kurz, meist nur wenige Seiten, so ist es auch nicht schlimm, wenn einem eine Geschichte nicht so sehr zusagt. Mir haben jedenfalls die meisten sehr gut gefallen, mein Favorit ist die "Stümpfejagd".

4 Sterne

Alice Sebold - The Lovely Bones

Susie Salmon wird von einem unauffälligen Nachbarn vergewaltigt und ermordet. In ihrem ganz persönlichen Himmel kann sie die Geschehnisse auf der Erde weiter verfolgen und sieht, wie ihre Familie mit ihrem Tod umgeht, wie ihre Schwester und ihre Freunde erwachsen werden und Erfahrungen machen, die ihr verwehrt blieben.

Am Anfang fand ich das Buch richtig toll, ich war sofort in der Geschichte drin, konnte die Trauer der Famile und Freunde Susies richtig gut nachvollziehen und konnte das Buch kaum weglegen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Im letzten Drittel hatte das Buch dann einige Längen. Die Zeitsprünge wurden größer, es wurde immer wieder unnötig auf die Tränendrüse gedrückt, alle Personen wirkten immer klischeehafter und auch Susie hat mich irgendwann genervt.

Eine gewisse Szene gegen Ende fand ich etwas unangebracht und auch nicht wirklich nachvollziehbar . Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, macht diese an sich schöne und berührende Szene das ganze Ende kaputt.

Trotz aller Kritikpunkte hat das Buch mich gut unterhalten. Es ist sehr emotional geschrieben, so dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen. Das ein oder andere Mal hatte ich beinahe Tränen in den Augen. Dass Susie selbst sehr distanziert und fast gleichgültig von ihrer Vergewaltigung erzählt fand ich auch eine gelungene Idee, die überzeugend umgesetzt war.

Fazit:
Ein nettes Buch für Zwischendurch, über das man nicht länger nachdenken sollte, da die Mängel sonst sehr deutlich werden.
3 Sterne

Henry James - The Portrait of a Lady

Die junge Amerikanerin Isabel Archer kommt nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Tante nach Europa. Ihre Art ist für die Europäer ungewohnt und erfrischend, dadurch findet sie schnell Freunde und Verehrer. Lange streubt sie sich gegen jegliche Art von Verpflichtungen und vor allem gegen die Ehe, bis sie schließlich doch einwilligt...

Ich habe das Buch drei mal begonnen und es nun beim dritten Anlauf dank der Leserunde auch beendet. Henry James' Stil ist schon gewöhnungsbedürftig, Häuser, Landschaften, Personen und Charaktereigenschaften werden bis ins kleinste Detail beschrieben, der Fokus des Buches liegt sehr stark auf dem inneren Geschehen und nicht auf äußeren Handlungen. Da kommt es schon mal vor, dass Beschreibungen über mehrere Seiten gehen und es kommt einfach kein Absatz. Das ist teilweise sehr mühsam zu lesen.

Natürlich kommt es auch immer auf die momentane Lesestimmung an, die sich bei mir beim Lesen des Buches auch mehrmals änderte. Manchmal hat es mir gefallen, einen so genauen Einblick in die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu bekommen, denn man kann sich nach der Lektüre wirklich ein gutes Bild der damaligen Verhältnisse machen. Andererseits haben mich die langatmigen Beschreibungen teilweise ermüdet und ich habe nach einer Pause sehr schwer wieder in das Buch hineingefunden. Manchmal hätte ich mir mehr Handlung und weniger Gedanken und Beschreibungen gewünscht, obwohl das Kapitel 42, in denen Isabels Gedanken und Gefühle zu ihrer Ehe sehr detailiert beschrieben werden und man zum ersten Mal von ihr selbst erfährt, wie es ihr geht, für mich der Höhepunkt des Buches war.

Ein Kritikpunkt ist für mich auch, dass trotz der genauen Beschreibungen die charakterliche Entwicklung Isabels nicht nachvollziehbar war. Irgendwann in der Mitte des Buches verändert sie sich von einem Extrem in das andere, ohne dass mir wirklich klar geworden wären, wo die Gründe dafür liegen.

3 Sterne

Freitag, 3. April 2009

Sabine Anders/Katharina Maier - Liebesbriefe großer Männer

In den letzten Tagen bin ich immer wieder abgetaucht in die Liebesbriefe großer Männer. Nicht nur Autoren kommen da zu Wort, auch einige Komponisten und andere Berühmtheiten. Vor den Liebesbriefen steht jeweils eine kurze Einführung zur Person, bzw. zu der jeweiligen Beziehung und den äußeren Umständen unter denen die Briefe geschrieben wurden. Das hilft dabei, die Briefe richtig verstehen und einordnen zu können, ohne mit der Biografie von jedem "großen Mann" vertraut zu sein.

Die Briefe sind ganz unterschiedlicher Art, bei manchen handelt es sich gar nicht um Liebesbriefe der herkömmlichen Art, da die Beziehung der Personen eher freundschaftlich ist, aber auch diese sind sehr gefühlvoll und fügen sich gut in das Buch ein. Auch sonst ist das Buch sehr abwechslungsreich, da keine Liebesbeziehung wie die andere ist. Manche Männer schreiben an ihre Verflossenen, an Angebetete, die sie schroff abgewiesen haben, manchmal steht die Familie oder der Standesunterschied einer Beziehung im Weg. Bei manchen aber wurde die Liebe auch erwidert, diese Briefe haben mir am besten gefallen, da sie oft die Harmonie und das Glück einer funktionierenden Beziehung wiederspiegeln.

Meiner Meinung nach wurde eine gute Auswahl getroffen, die Stile der schreibenden Herren sind so unterschiedlich wie ihre Beziehungen. Gerade in einer Zeit der SMS und E-Mails ist es schön, klassische Liebesbriefe zu lesen. Für mich war es auch wie ein Fenster in das Privatleben einiger Menschen und ich habe viele Details über berühmte Menschen erfahren, die mir zuvor nicht bewusst waren.

Für den Preis von 5€ kann man mit diesem Buch wirklich nicht viel falsch machen. Obwohl ich es jetzt schon ganz durchgelesen habe, werde ich es sicher nochmal zum Schmökern in die Hand nehmen und es hat mich auch angeregt, mich über einige Personen näher zu informieren und dann auch mehr von ihnen zu lesen, als nur Liebesbriefe.

4 Sterne