Mittwoch, 8. Oktober 2008

Dorothy Parker - New Yorker Geschichten

Dorothy Parker scheint nicht an glückliche Menschen oder Beziehungen zu glauben, zumindest schreibt sie nicht darüber. Alle Kurzgeschichten sind irgendwie tragisch oder traurig, beschrieben werden alkoholabhängige Frauen, Paare die ständig streiten oder sich nichts zu sagen haben, Frauen die sehnsüchtig auf einen Telefonanruf warten und so weiter. Auf jeden Fall werden in den "New Yorker Geschichten" viele Themengebiete behandelt, es wird nie langweilig, da alle Geschichten verschieden sind. Allerdings scheinen sie grob thematisch geordnet zu sein.

Ich muss dazu sagen, dass ich Kurzgeschichten normalerweise nicht mag, vor allem nicht, wenn sie so kurz sind wie diese. Ich brauche viel zu lange um mich in der Geschichte zurecht zu finden und mich mit den Figuren "anzufreunden" und kaum habe ich es geschafft, ist die Geschichte zu Ende. Aber bei diesem Buch war das nicht so. Ich fand es sehr interessant, verschiedene Aspekte von Beziehungen in dieser Form präsentiert zu kriegen, bei vielen Geschichten war ich auch froh, als sie vorbei waren und ich nicht noch mehr über das bedauernswerte Leben der Hauptfigur lesen musste.

Stilistisch ist das Buch auch abwechslungsreich, manchmal werden Bewusstseinsströme und Gedankengänge geschildert, ein anderes Mal ein Dialog zwischen zwei Personen oder es wird ganz normal erzälhlt, aus der Perspektive einer betroffenen Person oder auch eines Außenstehenden.

Erst zum Ende hin kam bei mir etwas Langeweile auf, das kann allerdings daran liegen, dass ich das Buch in sehr kurzer Zeit gelesen habe und ich dann einfach von dem Stil übersättigt war. Zum anderen geht es in den letzten Geschichten um Soldaten im Krieg, was für mich kein sonderlich aufregendes Thema ist.

Ich will nur kurz meine Lieblingsgeschichten erwähnen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.

Morgenstund hat Gift im Mund (The Little Hours)
Diese Geschichte beschreibt die Gedanken einer Frau, die in den frühen Morgenstunden aufwacht und nicht wieder einschlafen kann. Eine Passage, in der es darum geht, dass die Protagonistin keine Schafe mag und sie auch nicht zählen will, um wieder einzuschlarfen, hat mich sehr zum Lachen gebracht:

Die sollen sich bloß nicht einbilden, ich liege hier im Dunkeln und zähle ihre abscheulichen kleinen Gesichter für sie; und wenn ich bis Mitte nächsten August nicht wieder einschlafen können sollte. Angenommen, sie würden nie gezählt werden - was könnte da schlimmstenfalls passieren? Wenn die Zahl der imaginären Schafe dieser Welt eine ungelöste Frage bliebe, wer würde davon reicher oder ärmer? Nein, Chef; ich bin nicht deren Buchhüter. Die sollen sich doch selber zählen, wenn sie so wahnsinnig scharf auf Mathematik sind. Sollen doch ihre Dreckarbeit allein machen
Auch sonst fand ich diese Geschichte sehr witzig und zutreffend, denn jeder kennt wohl dieses Gefühl, wenn man gerne wieder einschlafen würde, sich die Gedanken aber um die sinnlosesten Dinge drehen.

Da wären wir (Here We Are)
Ein junges Paar hat gerade geheiratet und ist auf dem Weg zur Hochzeitsreise. Das Gespräch dreht sich nur um wenige Dinge, z.B. dass der Bräutigam eine Brautjungfer schön fand, oder dass er mit der Hutmode nichts anfangen kann (was die junge Braut natürlich auf sich und ihren Geschmack bei Hüten bezieht) usw. Immer beschließen die beiden, dass sie von nun ab nicht mehr streiten wollen und doch fängt die junge Frau immer wieder damit an, dass ihm ihr Hut nicht gefällt, dass er die Brautjungfer schöner findet als sie usw. Dabei musste ich immer darüber nachdenken, ob wir Frauen wirklich so sind. Nun ja, ich hoffe ich nicht, aber ich kenne ein paar Exemplare, die aus dieser Geschichten stammen könnten

Jetzt hätte ich beinahe die Wertung vergessen, ich fand das Buch wirklich sehr schön und unterhaltsam zu lesen, es war genau die richtige Mischung zwischen witzig und traurig/melancholisch/nachdenklich und dafür gibt es von mir 4 Sterne

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